Blut - der lebenserhaltende Strom in unserem KörperBlut - Energielieferant und Entsorgungssystem, Klimaanlage, Wundkitt, Abwehr- und Schutzsystem; als Arzneimittel, von Menschen für Menschen gespendet, unentbehrlich. Blut, im Normalzustand lebenserhaltend, ist bei Ungleichgewicht seiner Fließfähigkeit die häufigste Ursache für Thrombosen, Herzinfarkt und Schlaganfall. |
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Blut - seine Bestandteile und GrundfunktionenAuf den ersten Blick wirkt Blut flüssig, auf den zweiten Blick - etwa unter dem Mikroskop - entdecken wir bereits in einem Mikroliter mehrere Millionen fester Teilchen, die Blutzellen, die mit dem flüssigen Teil des Blutes, dem Plasma, durch unsere Adern geschwemmt werden. Wir kennen drei Arten von Blutzellen: die roten Blutkörperchen (Erythrozyten), die weißen Blutzellen (Leukozyten) und die Blutplättchen (Thrombozyten). Das fein ausgeklügelte, sich gegenseitig ergänzende Zusammenspiel der einzelnen Blutbestandteile bewirkt, daß Blut eine Vielzahl lebenswichtiger Funktionen für unseren Körper übernimmt. Es nährt, wärmt, kühlt, entsorgt und verteidigt unseren Körper. Es repariert und schützt. Im Knochenmark werden täglich Millionen von Blutzellen neu gebildet. Dort befinden sich die pluripotenten Stammzellen, die sich zu jedem beliebigen Blutzelltyp weiterentwickeln können. Welchen Beitrag leisten nun die einzelnen Bestandteile in diesem multifunktionalen Versorgungssystem "Blut"?
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Eine Vielzahl von Mikroben, etwa Viren, Bakterien oder Pilze, attackieren und belagern täglich unseren Köper. Obwohl winzig, können sie uns erheblich schaden, ja sogar töten. Wie kommt es, daß wir nur an einer verhältnismäßig geringen Anzahl dieser unliebsamen Eindringlinge erkranken? |
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Unser Organismus hat einen wirksamen Abwehrapparat gegen die gefährlichen Winzlinge errichtet, das Immunsystem. Der Hauptaustragungsort des Abwehrkampfes ist - wie könnte es anders sein - das Blut. Wie wir bereits gesehen haben, sind die Akteure dieses Abwehrapparats die Leukozyten. Unser Immunsystem ist dabei vor ähnliche Probleme gestellt wie die Spionageabwehr eines Landes: Zunächst müssen die Eindringlinge von unserem Organismus als fremd erkannt und nachfolgend unschädlich gemacht werden. In der ersten Abwehrreihe stehen hierbei große Freßzellen (Makrophagen), die Viren, Bakterien und Pilze aufnehmen und verdauen (1). Unser Immunsystem gliedert sich eine spezifische und eine unspezifische Abwehr. Das spezifische System kann nicht nur körperfremdes Material erkennen, sondern besitzt außerdem ein Gedächtnis für Fremdantigene, mit denen es schon einmal in Berührung gekommen ist. In diesem Falle sprechen wir von einer Immunisierung. Diese Gedächnisfunktion macht man sich z.B. auch beim Impfen zunutze. |
Was passiert nun, wenn wir in einen schmutzigen Nagel treten? Wir spüren einen Schmerz und beobachten eine Schwellung um die Wunde. Der Fuß ist überwärmt. Nach ein paar Tagen bildet sich die Schwellung zurück, es tut kaum noch weh. Die Immunabwehr hat ihre Aufgabe erfüllt. Was hat sich in unserem Organismus bis zu diesem Zeitpunkt abgespielt? Unser Körper hat mit Hilfe der weißen Blutkörperchen, in diesem Falle der B-Lymphozyten, Antikörper gegen die mit dem Nagel eingedrungenen Keime gebildet. Wieso hatte unser Organismus gerade Antikörper für diese speziellen Keime bereit? Unser Abwehrsystem ist scheinbar ein gigantischer Verschwendungsapparat. Es produziert schätzungsweise 10 Millionen verschiedene Antikörper auf Verdacht, um im Fall der Fälle gegen einen eindringenden Fremdkörper, ein Antigen, sogleich gewappnet zu sein. Trifft ein Antikörper auf ein passendes Antigen, so werden B-Zellen zur Teilung angeregt, die Abwehrarmada wird errichtet. Es gibt aber Millionen von Antikörpern, die nie zum Einsatz kommen und innerhalb weniger Tage abgebaut werden. Was zunächst als gigantische Verschwendung aussieht, ist ein höchst ökonomisch und effektiv arbeitendes System. Nur so ist der Körper allzeit bereit, auf bedrohliche Eindringlinge sofort zu reagieren. Bei dieser Abwehrstrategie gibt es aber noch ein kleines Problem. Was passiert, wenn sich Bakterien oder Viren in Zellen verstecken, ohne zuvor einem Antikörper begegnet zu sein? Bakterien und Viren sind im Laufe der Evolution immer intelligenter geworden und haben sich teuflische Strategien ersonnen, um sich an den Hütern unseres Abwehrsystems vorbeizuschleichen. Unser Abwehrsystem hat für das Versteckspiel eine besondere Gegenstrategie entwickelt. Diese Aufgabe erfüllen spezialisierte T-Lymphozyten, vorallem sog. Helferzellen. Viren und Bakterien können sich zwar in einer Zelle verstecken, verraten sich aber durch bestimmte Proteine auf ihrer Zellmembran. Diese Fremdeiwieße können von den Helferzellen erkannt werden, die ihrerseits weitere Abwehrmechanismen auslösen. Übrigens: Das HI-Virus ist deshalb so "erfolgreich", weil es eine völlig neue Angriffsstrategie benutzt. Es schaltet die Helferzellen einfach aus (1, 4).
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Wir schneiden uns mit einem Messer, die Wunde fängt an zu bluten. Nach kurzer Zeit verklebt die verletzte Stelle, die Blutung ebbt ab. Blut wirkt als körpereigener Wundkitt. Diesen mit dem bloßen Auge wahrnehmbaren Prozeß hat jeder an sich oft erlebt. Den meisten Menschen ist die Blutstillung (Hämostase) eine Selbstverständlichkeit. Wir vertrauen tagtäglich auf die reibungslose Funktionsfähigkeit unseres Hämostasesystems. Was so unkompliziert erscheint, setzt in Wirklichkeit ein kompliziertes Zusammenspiel von Blutplättchen, Bestandteilen der Gefäßwand und Gerinnungsfaktoren voraus. Hierbei hat jeder auch noch so kleine Baustein seine unverzichtbare Funktion. Fehlt z.B. nur ein Faktor in der Gerinnungskaskade, kann es in der Blutstillung zu schwerwiegenden Störungen kommen. Zurück zur Schnittwunde: Durch die Gefäßverletzung (Endotheldefekt) wird das zirkulierende Blut plötzlich Bindegewebsproteinen ausgesetzt, von denen es durch das intakte Endothel sonst abgeschirmt ist. |
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Diese Bindegewebsproteine wirken auf die Thrombozyten wie Klebstoff. In Bruchteilen von Sekunden heften sich die Plättchen an die Gefäßwandläsion an (Adhäsion). Dieser Vorgang aktiviert weitere zirkulierende Plättchen, die sich im Bereich der Wunde an die bereits angelagerten Plättchen anheften (Aggregation). Es bildet sich ein Plättchenpfropf, der die Wunde verschließt. Gleichzeitig wird das Gerinnungssystem aktiviert, das den Plättchenpfropf nun mit einem Netz aus Fibrinfäden umspannt und dadurch zum Wundverschluß beiträgt. An der späteren Wundheilung und Gefäßwandreparatur sind weiße Blutkörperchen beteiligt (5). |
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Thrombose ist ein Ingangsetzen des Blutstillungsmechanismus zur falschen Zeit am falschen Ort. Eine Thrombose entsteht, wenn eine Gefäßwand bereits durch eine Art "Verkalkung" (Atherosklerose) geschädigt ist. Atherosklerose ist die Veränderung einer Gefäßinnenwand durch fettartige Ablagerungen, genannt Plaques. Eine Katastrophe tritt dann ein, wenn ein solcher Plaque durch Reibung des vorbeiströmenden Blutes einreißt. Der Organismus reagiert wie im Falle einer äußeren Verletzung und setzt den Mechanismus der Blutstillung in Gang. Es bildet sich ein Plättchen-Fibrin-Thrombus (Blutpfropf). Mehrere Katastrophenszenarien sind nun denkbar: Ein Thrombus in den Kranzgefäßen löst einen Herzinfarkt aus, ein Thrombus in den hirnversorgenden Arterien einen Schlaganfall. Anders ist der Entstehungsmechanismus von Gerinnseln in den tiefen Bein- und Beckenvenen. Venöse Gerinnsel können sich nach Operationen, in der Schwangerschaft oder bei bestimmten Erkrankungen bilden. Häufig liegt eine Übergerinnbarkeit des Blutes vor. Der Thrombosegefährdung kann durch geziehlte Prophylaxe wirksam vorgebeugt werden (2).
Wir kennen das Bild aus Kriminalfilmen, von Katastrophenreportagen und Werbeplakaten zum Blutspenden. Ein Plastikbeutel mit dunkelroter Flüssigkeit neben der Bahre eines Verletzten. Es zeigt uns das erfolgreichste, am häufigsten eingesetzte und bisher am längsten angewandte Transplantationsverfahren - die Transplantation des Organs Blut. Dank des enormen Wissenszuwachses im Bereich der Aufbereitung von Blut und Blutprodukten ist die Transfusion von Vollblut, von Katastrophenfällen abgesehen, heute überholt. Das von den Spendern gewonnene Blut wird in seine verschiedenen Komponenten aufgetrennt. Dem Patienten wird "maßgeschneidert" nur die Blutkomponente transfundiert, die ihm fehlt. Die Vorteile dieser Vorgehensweise sind evident: Der Arzneimittelrohstoff Vollblut wird so ökonomisch und so sicher wie möglich eingesetzt (3).
Die folgenden Beispiele sollen erläutern, in welchen Fällen eine Hämotherapie, also eine Behandlung mit Blutprodukten, notwendig ist. Wenn der Blutverlust ein bestimmtes Maß übersteigt, kann der Körper die Organe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen. Da die Erythrozyten für den Sauerstofftransport im Blut verantwortlich sind, werden einem Patienten bei hohem Blutverlust primär Erythrozytenkonzentrate transfundiert (3,5). Blutverluste können bei Operationen, Verletzungen oder bei Störungen unseres Blutstillungssystems auftreten. Auch Patienten mit bösartigen Erkrankungen können von Bluttransfusionen abhängig sein. Ein Beispiel: Patienten mit Leukämie. Ihre Heilungschance liegt heute bei 80%. Auf Grund ihrer Erkrankung und einer monatelangen Chemotherapie ist ihre körpereigene Blutbildung ausgeschaltet. In dieser Phase ist der Patient Woche für Woche auf Blutprodukte von 15 bis 20 Spendern angewiesen.
Anders liegt der Fall bei Patienten mit angeborenen Defekten bestimmter Gerinnungsfaktoren. Diese Patienten benötigen spezielle Gerinnungsfaktorkonzentrate, die aus Blutplasma gewonnen werden. Um Blutungen vorzubeugen, können sich diese Patienten solche Konzentrate regelmäßig selbst injizieren. Blutspender helfen ihnen, ein normales Leben zu führen.
Bluttransfusionen werden notwendig bei einer
Rhesus-Unverträglichkeit zwischen Mutter und ungeborenem Kind. Ist die
Mutter Rhesus-negativ, das Kind aber Rhesus-positiv, besteht die Gefahr, daß
Antikörper der Mutter die Erythrozyten des Kindes zerstören. Durch eine
Austauschtransfusion mit Rhesus-negativem Blut lassen sich lebensbedrohliche
Komplikationen verhindern (5).
Fortschritte der modernen Medizin sind bis auf weiteres abhängig von der
Verfügbarkeit von Blut. Die Einsatzbereitschaft vieler Gesunder für ihre
kranken Mitmenschen bleibt gefragt.
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1. |
Bredow von R: Blut. GEO 11: 50-72, 1997. |
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2. |
Ostendorf PC, Scharf RE: Thrombogenese. In: Ostendorf PC, Seeber S (Hrsg): Hämatologie-Onkologie, 2. Aufl., Urban Schwarzenberg, München, 388-389 und 424-425, 1997. |
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3. |
Scharf RE, Giers G: Treatment with blood comonents and coagulation factors concentrates: Modern concepts of hemotherapy. Schweiz Rundsch Med 87: 1148-1152, 1998. |
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4. |
Sompayrac L: How the Immune System Works. Blackwell Science, Malden, Massachusetts, USA, 1999. |
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5. |
Strengers PF, van Aken WG (Hrsg): Blut. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, 1996. |